Im Burgund ist nichts jemals wirklich einfach, selbst dann nicht, wenn das Wetter scheinbar mitspielt. Der Jahrgang 2023 ist der beste Beweis dafür: eine Saison, die betrachtet man nur die Statistiken linear und sogar günstig erscheinen könnte. Keine verheerenden Fröste, kaum Hagel, keine lange Hitzewelle. Doch Wein ist bekanntlich ein Kind der Erde ebenso wie der Zeit und im Jahr 2023 sprach die Zeit eine subtilere Sprache, geprägt von Details, Nuancen und entscheidenden Entscheidungen.
Das Klima stellte die Winzer weniger durch einzelne extreme Ereignisse als vielmehr durch seine Beständigkeit auf die Probe. Nach einem milden und trockenen Winter präsentierte sich der Frühling kühl mit gut verteilten Niederschlägen, was einen gleichmäßigen Austrieb zwischen dem 7. und 10. April begünstigte. Die Blüte Ende Mai stand im Zeichen der Fülle: zahlreiche, perfekt geformte Trauben ließen auf eine großzügige, aber auch qualitätsbedürftige Ernte schließen.
Im Juni dominierte die Sonne mit 330 Sonnenstunden gegenüber 253 im Jahr 2022, doch der Juli dämpfte die Euphorie. Graue Tage und ein heftiges Gewitter am 11. Juli führten in Meursault zu Verlusten von bis zu 40 % der Trauben in einigen Parzellen. In Morey-Saint-Denis und Chambolle-Musigny waren die Schäden geringer, doch die Botschaft war klar: Dieser Jahrgang verlangte Aufmerksamkeit und Vorsicht.
Im August brachte ein plötzlicher Wechsel zwischen kühlen und heißen Phasen den Reifeprozess durcheinander. Nach einem langsamen Start kam am 17. August die Wende: ein Temperatursprung auf über 37 °C ließ die Zuckerwerte rapide ansteigen und zwang die Winzer zu schnellen Entscheidungen über den Erntebeginn. Eine weitere Hitzewelle Anfang September beschleunigte den Prozess zusätzlich.
So wurde die Lese 2023 zu einer Frage der Geografie und Interpretation. In Puligny-Montrachet begann man bereits am 26. August, während man in Saint-Romain bis zum 15. September wartete. In der Côte de Nuits – zwischen Chambolle-Musigny und Gevrey-Chambertin – wurde zwischen dem 6. und 15. September gelesen. Die Weißweine wurden zuerst geerntet, gefolgt von den Rotweinen bis in die dritte Septemberwoche.
Die Herausforderung der Erträge
Der Jahrgang 2023 wird auch wegen seiner Großzügigkeit in Erinnerung bleiben. In vielen Fällen waren die Erträge hoch – teilweise über den gesetzlichen Grenzen. Einige Pinot-Noir-Parzellen erreichten sogar 100 hl/ha. Eine sorgfältige Weinbergsarbeit war entscheidend: Wer früh ausgedünnt hat, konnte Qualität sichern; spätere Eingriffe führten oft zu Verdünnung. Bei Weißweinen sind höhere Erträge zwar akzeptabler, doch das Gleichgewicht bleibt fragil.
Im Keller setzte man auf Eleganz: weniger invasive Vinifikation, niedrigere Temperaturen (ca. 28 °C), reduzierter Einsatz ganzer Trauben. Alternative Gefäße wie Amphoren, Demi-Muids und Keramik gewinnen an Bedeutung – mit dem Ziel von mehr Transparenz und Präzision.
Die verborgene Anmut des Jahrgangs
Der Jahrgang 2023 zeichnet sich durch Frische, Leichtigkeit und lebendige Spannung aus. Ein Jahrgang, der nicht laut ist, sondern flüstert. Laut Steen Öhman (Winehog) sind es „frais et légers“ Weine – zugänglich, aber keineswegs banal.
Bei den Weißweinen dominieren Aromen von reifen gelben Früchten (Pfirsich, Aprikose) und Zitrusnoten. Die Struktur ist schlank, die Säure gut eingebunden. Kein strenger, malischer Chardonnay, sondern eine sonnigere Version ohne tropische Überreife. Kalkreiche Böden halfen vielerorts, Frische und Tiefe zu bewahren. Besonders Chassagne-Montrachet überzeugt weiterhin.
Auch einfache Bourgogne Blanc zeigen teils exotische Noten, bleiben aber präzise und zugänglich. Das Alter der Reben spielte eine wichtige Rolle bei der natürlichen Regulierung der hohen Erträge.
Auch einige Aligoté sind bemerkenswert – energisch, mineralisch und eigenständig, keine bloßen Alternativen zum Chardonnay.

Ein aufstrebender Produzent ist das Domaine du Puy de l’Ours in Savigny-lès-Beaune. Mit biologischem und minimalistischem Ansatz entstehen sechs Weine von großer Klarheit und Ausdruckskraft.
Pinot Noir in lyrischer Form
Der Pinot Noir 2023 ist klar und präzise: rote Früchte wie Walderdbeere, Kirsche und Johannisbeere dominieren. Die Struktur ist fein, elegant und transparent. Pfeffrige Noten treten gelegentlich auf – auch ohne Ganztraubenvergärung – und zeigen die natürliche Komplexität des Jahrgangs.
Die Tannine sind seidig, die Weine lebendig und gastronomisch, sofort zugänglich, aber mit Entwicklungspotenzial. Der Jahrgang vereint Reife (wie 2020) und Frische (wie 2017) in bemerkenswerter Balance.
Zwei stilistische Ansätze

Mark Haisma überzeugt mit authentischen, fein vinifizierten Weinen – „easy-going and effortless“, aber tiefgründig.
Jérémy Recchione hingegen geht radikale Wege mit nahezu schwefelfreien Weinen, spontan vergoren und oft wild, aber zunehmend präzise.
Marsannay gewinnt weiter an Bedeutung: steigende Qualität bei moderaten Preisen. Ein Beispiel ist der Marsannay Au Quartier der Maison Gautheron d’Anost – präzise, energiegeladen und elegant.

Ein bemerkenswerter Trend: selbst traditionell kraftvolle Produzenten setzen zunehmend auf leichtere, frischere Stile.
Chablis 2023: Spannung, Reife und neue Frische
Weiter nördlich zeigte sich Chablis 2023 ebenfalls komplex. Ein milder Winter, ein extrem trockener Februar und ein nasser März bestimmten den Start. Spätfröste Anfang April erinnerten an die Risiken.
Schon früh zeigte sich eine große Heterogenität der Parzellen. Pilzkrankheiten – insbesondere Mehltau und Peronospora – waren stark verbreitet, besonders problematisch für biologisch arbeitende Betriebe.
Sommerliche Niederschläge führten zu großen, schweren Trauben, doch rechtzeitig vor der Lese stabilisierte sich das Wetter. Die Ernte begann in der zweiten Septemberwoche.
Stilistisch stehen die Weine zwischen Tradition und moderner Fülle: klassische Noten (grüner Apfel, weiße Blüten, Zitrone) verbinden sich mit subtilen exotischen Nuancen. Voller als früher, aber mit erhaltener mineralischer Spannung.

Ein herausragendes Beispiel ist Château de Béru. Die biodynamisch arbeitende Gaëlle Ribé erzeugt charakterstarke, präzise Weine. Der Chablis Côte Aux Prêtes 2023 überzeugt mit Zitrusnoten, Bienenwachs und einer ungewöhnlichen Curryblatt-Note. Am Gaumen dicht, lebendig und salzig – mit großem Reifepotenzial.
Ein Jahrgang zum Zuhören
Der Jahrgang 2023 ist komplex, vielschichtig und verlangt Aufmerksamkeit. Burgund und Chablis zeigen eine neue Sensibilität im Umgang mit dem Klimawandel.
Die Weine schreien nicht – sie sprechen leise, aber klar:
Frische, Balance und Zugänglichkeit ohne Belanglosigkeit.
Auch bei uns in Lugano wächst das Interesse an diesen Weinen stetig.
Bei Chronos ist es unsere Aufgabe, genau das zu tun: verkosten, auswählen und erzählen. Der Jahrgang 2023 verdient es, verstanden zu werden.
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