48 Stunden in der Toskana

Team, Terroir, Freunde und jede Menge guter Wein

Manche Reisen beginnen als Geschäftsreise und werden am Ende zu etwas viel Größerem.

Zwei intensive, heiße und stellenweise unvorhersehbare Tage. Achtundvierzig Stunden in der Toskana mit dem gesamten Chronos-Team, zwischen Montalcino, dem Monte Amiata und Bolgheri. Eine gemeinsame Erfahrung, ja. Vor allem aber eine Gelegenheit, dorthin zurückzukehren, wo alles seinen Ursprung hat: an die Orte, zu den Menschen und in die Geschichten, die wir jeden Tag durch die Weine erzählen, die wir auswählen.

Abfahrt in Lugano um sechs Uhr morgens. Ein Kaffee, wenige Worte, noch etwas verschlafene Gesichter und ein klares Ziel: die Toskana.

Unsere erste Station führt uns nach Castelnuovo dell’Abate, im Südosten von Montalcino, zu Podere Le Ripi.

Castelnuovo dell’Abate ist kein gewöhnlicher Ort. Für alle, die Montalcino kennen, erzählt dieser Name bereits eine Geschichte, lange bevor die erste Flasche geöffnet wird. Es handelt sich um einen der bedeutendsten natürlichen Crus der Appellation, geprägt vom schützenden Einfluss des Monte Amiata. Der Berg spielt hier eine entscheidende Rolle: Er schützt die Weinberge, reguliert das Klima, sorgt für kühlende Luftströme und starke Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. So verleiht er diesem Teil Montalcinos einen besonders wilden, tiefgründigen und geradlinigen Charakter.

Steile Weinberge, Wälder, Schluchten, kurvenreiche Straßen und eine Landschaft, die sich ständig verändert. Hier zeigt sich Montalcino von einer anderen Seite. Weniger Postkartenidylle, dafür ursprünglicher, lebendiger und authentischer.

Empfangen werden wir von Mary Cerini, seit dem vergangenen Jahr Export Director des Weinguts. Mit ihrer beeindruckenden Kenntnis des Sangiovese in all seinen Facetten sowie ihrer Leidenschaft und Professionalität begleitet sie uns durch eine ausführliche Verkostung der neuen Jahrgänge.

Draußen ist die Hitze drückend, doch die Weine rücken sofort das Wesentliche in den Mittelpunkt. Die Brunelli von Podere Le Ripi erzählen eindrucksvoll von den unterschiedlichen Gesichtern Montalcinos: verschiedene Lagen, Höhen, Böden und Expositionen, die Sebastian und sein Team Jahr für Jahr mit immer größerer Präzision interpretieren. Es sind tiefgründige, strahlende Weine, niemals künstlich oder überladen, sondern geprägt von Energie, Eleganz und einer bemerkenswert klaren Handschrift ihres Terroirs.

Doch vielleicht ist das Schönste an Podere Le Ripi, dass hier kein Wein als zweitrangig betrachtet wird.

Vom unkomplizierten, unmittelbaren Sangiovese bis hin zum Brunello di Montalcino Riserva scheint jedem Wein dieselbe Aufmerksamkeit zuteil zu werden. Es gibt hier keinen „kleinen“ Wein. Jede Qualitätsstufe besitzt ihre eigene Würde, ihre eigene Berechtigung und ihre eigene Philosophie. Besonders deutlich wird das beim Rosso di Montalcino.

Der Rosso di Montalcino 2022 ist dafür das perfekte Beispiel. Während ein Großteil der Appellation bereits den Jahrgang 2024 auf den Markt gebracht hat, hat Podere Le Ripi erst kürzlich den 2022er vorgestellt. Nicht zufällig, sondern ganz bewusst. Hier ist der Rosso kein Nebenprodukt und nicht der „kleine Bruder“ des Brunello, der möglichst schnell verkauft werden soll. Er erhält die Zeit und die Aufmerksamkeit, die er verdient.

2022 war ein sonniger, zugänglicher und großzügiger Jahrgang. Dennoch wirkt der Wein im Glas niemals beliebig. Er ist auf die schönste Art unkompliziert und zugleich vielschichtig. Direkt, aber mit Tiefe. Er besitzt jene Selbstverständlichkeit großer Weine, die sich nicht erklären müssen, weil sie sofort überzeugen.

Nach dem Rosso 2021, einem präzisen und beinahe verblüffend guten Wein, bestätigt auch der Jahrgang 2022 eindrucksvoll, wie konsequent sich dieses Projekt auf allen Ebenen weiterentwickelt.

Jahr für Jahr scheint Podere Le Ripi eines konstant zu gelingen: sich weiter zu verbessern und mit Ehrlichkeit, einer klaren Vision und bemerkenswerter Kontinuität zu beeindrucken. Hinter jedem Wein steht eine eindeutige Idee, eine klare Richtung und eine Philosophie, die nicht laut sein muss, um wahrgenommen zu werden.

Sebastian leistet hier wirklich außergewöhnliche Arbeit, und das schmeckt man.

Der Wein des Tages? Nicht zuletzt wegen der sommerlichen Temperaturen ganz klar der Cappuccetto Rosa 2024. Der perfekte Rosé für den Sommer: fein, erfrischend, salzig-mineralisch und herrlich unkompliziert. Ein echter Terrassenwein, der keine großen Erklärungen braucht, man öffnet ihn, teilt ihn mit Freunden und wundert sich, wie schnell die Flasche leer ist.

Das Mittagessen im Serendipity war, wie immer, in seiner Schlichtheit nahezu perfekt. Regionale Salumi und Käse, Gemüse und Obst aus der eigenen biodynamischen Landwirtschaft, ehrliche, klare Aromen, ganz ohne unnötige Inszenierung. Eine Einfachheit, die unbewusst an Perfektion grenzt.

Am Nachmittag, nach einer erfrischenden Abkühlung im Pool am Monte Amiata, machten wir uns auf den Weg zu den Bakkanali Estivi in Seggiano.

Doch bevor wir über die Veranstaltung sprechen, lohnt es sich, bei Bakkanali selbst zu beginnen. Denn nur so lässt sich die besondere Energie dieses Abends wirklich verstehen.

Bakkanali entstand in Poggioferro, einem Ortsteil von Seggiano, an den Hängen des Monte Amiata. Ein Ort, der so gar nichts mit der Toskana gemein hat, die man aus Bildbänden kennt. Hier findet man weder die sanften Hügel Montalcinos noch die geordnete Eleganz des Chianti. Stattdessen erlebt man eine rauere, höhere und fast alpine Toskana, gewissermaßen ein Montalcino der Berge, auch wenn wir uns längst in einem anderen Gebiet mit einer ganz eigenen Identität befinden.

Der Monte Amiata ist ein erloschener Vulkan, eine gewaltige und stille Präsenz, die die Landschaft beherrscht. Er schützt die Weinberge, sorgt für Abkühlung, schafft große Temperaturunterschiede, bringt Wind, Schnee und Höhenlage mit sich. Vor allem aber verändert er die Bedingungen, unter denen die Reben in diesem Teil der Toskana wachsen, grundlegend. Die Weinberge von Bakkanali liegen auf etwa 600 bis 800 Metern Höhe, in einem klimatischen und geologischen Umfeld, das sich deutlich vom wärmeren und tiefer gelegenen Montalcino unterscheidet. Hier prägt der Berg den Wein auf unverwechselbare Weise.

Die Böden erzählen eine ebenso faszinierende Geschichte: Kalkablagerungen, Flysch, vulkanische Sande und mineralreiche Gesteinsschichten wechseln sich mit zunehmender Höhe ab. Geologisch ist dieses Gebiet uralt, vielschichtig und aus weinbaulicher Sicht noch immer weitgehend unerforscht. Genau das macht seinen Reiz aus. Bakkanali wurde nicht gegründet, um etwas Bestehendes zu kopieren, sondern um einem Ort eine eigene Stimme zu verleihen, einem Terroir, das bislang nur wenig erzählt wurde.

Ugo & Sebastian

Ugo und Sebastian verfolgen dabei einen klaren Ansatz: Neugier, Freiheit und Intuition, kombiniert mit großer Präzision. Frei von manchen Einschränkungen klassischer Appellationen können sie den Monte Amiata zeitgemäß interpretieren, ohne dabei die Verbindung zum Ursprung zu verlieren. Schon in den Rotweinen spürt man diese besondere Spannung: Frucht, Frische, Energie und Substanz, getragen von einer kühlen, fast alpinen Eleganz, die jedem Schluck Lebendigkeit und Charakter verleiht.

Und man hat das Gefühl, dass dies erst der Anfang ist.

Rund um Bakkanali entstehen derzeit zahlreiche neue Projekte. Neue Weinberge, neue Ideen und neue Interpretationen dieses außergewöhnlichen Terroirs. Dazu gehören auch Weißweine, die wir zwar noch nicht verkosten konnten, über die jedoch mit einer Begeisterung gesprochen wurde, die Großes erwarten lässt. Hoch gelegene Weinberge, Böden mit noch stärkerem vulkanischem Einfluss und ein ganz eigener Charakter, alles deutet darauf hin, dass hier etwas Besonderes entsteht. Und wenn man die Energie dieses Projekts kennt, darf man gespannt sein.

Bakkanali besitzt heute eine seltene Qualität: Das Weingut wirkt jung, frei und beinahe instinktiv und verfügt dennoch bereits über eine unverwechselbare Identität. Es versucht nicht, „ein weiteres Montalcino“ zu sein oder Bekanntes zu imitieren. Stattdessen erzählt es den Monte Amiata so, wie er wirklich ist: wild, hoch gelegen, mineralisch, unberechenbar und faszinierend.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb die Veranstaltung Bakkanali Estivi so gut funktioniert. Sie basiert auf einem echten Projekt, einem authentischen Ort und Menschen, die nicht einfach ein Event organisieren, sondern eine eigene Weinwelt erschaffen, modern, unabhängig und voller Persönlichkeit.

Dann ist da noch Hardstyle, Sebastians neues Herzensprojekt, das wir während der Bakkanali Estivi bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage verkosten konnten.

Sebastian ist Önologe und Mitinhaber sowohl von Podere Le Ripi als auch von Bakkanali. Hardstyle zeigt seine experimentierfreudige und kreative Seite. Kleine Chargen, ursprünglich fast als Versuche gedacht, entwickeln sich inzwischen zu außergewöhnlichen Weinen: Weißweine mit Sous-Voile-Ausbau, lange Reifezeiten, intensive Forschungsarbeit und mehrere neue Editionen, die bereits in Vorbereitung sind.

Jede Charge umfasst gerade einmal rund 580 Flaschen. Ein Tropfen auf den heißen Stein, aber einer, der garantiert Aufmerksamkeit erregt. Ein kleines flüssiges Labor, in dem Technik, Intuition und kreative Freiheit ohne Kompromisse aufeinandertreffen.

Die von Ugo und Sebastian organisierte Veranstaltung findet inzwischen zum dritten Mal statt und hat sich zu einem Treffpunkt für Weinprofis aus aller Welt entwickelt. Zahlreiche handwerklich arbeitende Weingüter kommen hier zusammen, Produzenten, Freunde und Persönlichkeiten, die zwar aus unterschiedlichen Regionen und mit ganz verschiedenen Hintergründen stammen, aber dieselbe Philosophie teilen.

Die Atmosphäre ist entspannt, lebendig und voller Herzlichkeit. Es ist eine Veranstaltung, die einige der spannendsten kleinen Weingüter Italiens ins Rampenlicht stellt, ohne dabei ihre Leichtigkeit zu verlieren. Keine steife Fachmesse, sondern ein Ort, an dem verkostet, diskutiert, gelacht und zugehört wird. Vor allem aber spürt man hier eine echte Gemeinschaft.

Und die Kulisse? Atemberaubend. Das Weingut schmiegt sich an die sanften Hänge des Monte Amiata, mit freiem Blick auf Montalcino und die Hügel des Val d’Orcia. Dieses besondere Licht der Toskana scheint genau zu wissen, wie es jeden Moment unvergesslich macht.

Der einzige Wermutstropfen: Ein bedrohliches Unwetter zog rund um den Monte Amiata auf. Blitze am Horizont, ein Himmel wie aus einem Film, genug, um den einen oder anderen nervös werden zu lassen. Doch am Ende wurde die Gegend um Seggiano nur leicht gestreift. Das Fest konnte stattfinden. Vielleicht gerade deshalb war die Stimmung noch ausgelassener.

Das Chronos-Team fühlte sich sofort wohl. Viele Freunde, großartige Weine, spannende Winzerinnen und Winzer und jede Menge neue Entdeckungen, kurz gesagt: die perfekte Umgebung für uns neugierige Entdecker der Weinwelt.

Der Monte Amiata begleitete uns bis spät in die Nacht. Hin und wieder zuckte ein Blitz über den Himmel, dazu Musik, gutes Essen, hervorragende Weine, organisiert von Vineria Aperta, großartige Menschen und diese herzliche, authentische Gastfreundschaft, für die die Toskana bekannt ist. Whatever the weather, könnte man sagen. Vielleicht sogar gerade wegen des Wetters.

Am nächsten Morgen saßen wir, wie so oft, schon früh wieder im Auto. Unser Ziel: die toskanische Küste. Genauer gesagt: Bolgheri.

Eine völlig andere Toskana. Noch immer unverkennbar toskanisch, aber mit einer maritimen, eleganten und weltoffeneren Seele, weniger rustikal als die Hügel des Chianti oder von Montalcino. Eine andere Maremma, die uns erneut begeisterte: wilde Hügel, mediterrane Macchia, Straßen, die sich dem Meer entgegenziehen, und Ausblicke, die einem den Atem rauben.

In Bolgheri besuchen wir gemeinsam mit dem gesamten Team zum ersten Mal Tenuta Fratini, einen der jüngsten Partner von Chronos. Ein Weingut, das man unbedingt kennenlernen sollte.

Empfangen werden wir von Ludovica Fratini, der Eigentümerin des Weinguts, und Davide D’Alterio, dem General Manager. Davide gehört zu den Menschen, denen man stundenlang zuhören könnte, wenn sie über Wein sprechen. Ob Toskana oder andere Weinregionen, sein Wissen ist außergewöhnlich tief, präzise und lebendig. Eine wandelnde Enzyklopädie des Weins, dabei aber nie belehrend. Ludovica wiederum vermittelt sofort ihre Leidenschaft für diesen Ort und für das Familienprojekt, das sie mit großer Überzeugung weiterführt. Man spürt deutlich ihren Wunsch, ein neues Kapitel in der Geschichte dieses Weinguts zu schreiben und gleichzeitig gibt sie uns vom ersten Moment an das Gefühl, willkommen zu sein.

Die Tenuta Fratini liegt im südlichsten Teil der Appellation, dort, wo die Colline Metallifere sanft zum Meer abfallen und die natürliche Grenze Bolgheris zwischen den Gemeinden Castagneto Carducci und San Vincenzo bildet.

Für die Familie Fratini ist die Weinwelt kein Neuland. Ende der 1990er-Jahre gründete sie Tenuta Argentiera, ein Projekt, das sich im Laufe der Jahre zu einem der bedeutendsten Namen Bolgheris entwickelte und wesentlich zum heutigen Ruf der Region beitrug. 2016 verkaufte die Familie Argentiera, doch die Verbindung zu diesem einzigartigen Land blieb bestehen.

Wenige Jahre später entstand die Tenuta Fratini: ein neues Projekt auf einem beeindruckenden Anwesen von über 1.300 Hektar. Wälder, mediterrane Macchia, Felsen, Weinberge, Felder, Ebenen und schließlich das Naturschutzgebiet mit seinem Strand. Nur selten findet man auf einem einzigen Gut eine derart vielfältige Landschaft.

Der eigentliche Weinberg nimmt derzeit nur einen kleinen Teil der Gesamtfläche ein: etwa 14 Hektar, mit dem Ziel, diese in den kommenden Jahren auf 28 Hektar zu erweitern. Genau darin zeigt sich die Philosophie des Projekts. Es geht nicht darum, möglichst viele Reben zu pflanzen. Es geht darum, genau die Flächen zu identifizieren, auf denen außergewöhnlicher Wein entstehen kann.

Ab 2019 begann eine umfassende Analyse des gesamten Terroirs. Das Ziel war klar: Auf einer Fläche von mehr als tausend Hektar sollten ausschließlich jene Parzellen identifiziert werden, die das größte Potenzial für außergewöhnlichen Wein besitzen. Böden, Expositionen, Höhenlagen, Hangneigungen sowie der Einfluss von Wäldern und Meeresströmungen wurden detailliert untersucht, um einzigartige Standorte zu finden.

Für dieses ambitionierte Vorhaben holte die Familie Fratini Pedro Parra ins Boot, einen der weltweit renommiertesten Experten für Terroiranalyse und Bodenkartierung. Ludovica bezeichnete seine Arbeit als eine Art „CT-Scan des Terroirs“, ein treffender Vergleich. Mit modernster Technik, Bodenanalysen, Bohrungen und sorgfältigen geologischen Untersuchungen entstand kein oberflächliches Gutachten, sondern ein tiefgreifendes Verständnis des gesamten Anwesens.

Dann folgte der nächste Schritt, der die Ambitionen des Projekts eindrucksvoll unterstreicht: Eric Boissenot wurde als Berater nach Bolgheri geholt.

Das ist alles andere als selbstverständlich. Boissenot zählt zu den bedeutendsten Önologen des modernen Bordeaux. Er betreut unter anderem vier der fünf Premier Cru Classé-Weingüter: Château Latour, Château Lafite Rothschild, Château Margaux und Château Mouton Rothschild. Seine Erfahrung mit großen Bordeaux-Cuvées ist nicht theoretisch, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit auf höchstem Niveau.

Weinbau liegt bei den Boissenots gewissermaßen in der Familie. Eric ist der Sohn von Jacques Boissenot, einer prägenden Persönlichkeit der Bordeaux-Önologie und Schüler des legendären Émile Peynaud, einem der Väter der modernen Weinwissenschaft. Das allein garantiert zwar keinen großen Wein – zeigt aber, wie tief dieses Wissen verwurzelt ist.

In Bolgheri verfolgt Boissenot jedoch einen völlig anderen Ansatz. Es geht nicht darum, Bordeaux in die Toskana zu kopieren. Das wäre ein Missverständnis. Das Klima ist mediterraner, sonniger und stärker vom Meer geprägt. Genau diese Unterschiede machen das Projekt für ihn so spannend. Die Tenuta Fratini bietet ihm die Möglichkeit, seine Erfahrung in einem vollkommen neuen Kontext einzusetzen.

Das Ergebnis ist eine außergewöhnliche Verbindung: Auf der einen Seite die Präzision, Balance und Eleganz der großen Bordeaux-Schule, auf der anderen Seite die Kraft, das Licht, die mediterrane Macchia und die unverwechselbare Energie Bolgheris. Kein „Bordeaux aus der Toskana“, sondern eine neue Interpretation von Bolgheri – anspruchsvoll, eigenständig und mit großer Ambition.

An der Seite von Eric Boissenot arbeitet Emiliano Falsini, einer der gefragtesten Önologen Italiens. Gemeinsam bilden sie ein Team, das mit klarer Vision arbeitet: Boden, Weinberg, Trauben und Interpretation greifen nahtlos ineinander. Jeder Schritt dient einem einzigen Ziel, Weine zu schaffen, die Bolgheri auf eine neue Weise erzählen.

Ebenso konsequent ist die Arbeit im Weinberg. Auch hier setzt das Weingut auf internationale Spitzenkompetenz, unter anderem mit Simonit & Sirch, den weltweit anerkannten Spezialisten für Rebschnitt und Weinbergsmanagement. Solche Namen sind zwar keine Garantie für große Weine, sie zeigen jedoch den kompromisslosen Anspruch, ein langfristig tragfähiges und qualitativ herausragendes Projekt aufzubauen.

Die größte Stärke der Tenuta Fratini bleibt jedoch der Ort selbst.

Während sich ein Großteil der Appellation Bolgheri in der Ebene zwischen Bolgheri und Castagneto Carducci befindet, liegen die Weinberge der Tenuta Fratini in den Hügeln, eingebettet in mediterrane Vegetation und auf Höhenlagen von bis zu rund 300 Metern über dem Meeresspiegel. Unterschiedliche Expositionen und eine außergewöhnliche Vielfalt an Böden schaffen ideale Voraussetzungen für charakterstarke Weine.

In Zeiten zunehmender Trockenheit und steigender Temperaturen ist der Wert solcher hoch gelegenen, gut belüfteten Weinberge mit ihren unterschiedlichen geologischen Formationen kaum zu überschätzen, vielleicht sogar von unschätzbarer Bedeutung für die Zukunft Bolgheris.

Die wichtigsten Rebsorten sind Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot. Doch im Mittelpunkt steht vor allem der Wille, ständig weiterzulernen und Neues zu entdecken. Die Böden unterscheiden sich von Parzelle zu Parzelle, Sand, Kalk, Schiefer und vulkanische Komponenten prägen die verschiedenen Lagen. Durch die umfassenden Analysen konnten einzelne Mikroterroirs identifiziert und für jede Parzelle die passenden Unterlagsreben, Klone und Pflanzmaterialien ausgewählt werden.

So entstanden mit dem ersten Jahrgang 2021 die drei Weine des Weinguts: Clinio, Harte und Hortense, drei unterschiedliche Interpretationen eines außergewöhnlichen Terroirs.

Über Wein zu schreiben, ist nie einfach. Am Ende ersetzt nichts die eigene Verkostung. Was wir jedoch sagen können: Hier wird tiefes Verständnis für das Terroir in Weine übersetzt, die Kraft und Frische gleichermaßen vereinen. Sie besitzen Tiefe, aber auch Präzision. Die Tannine sind präsent, zugleich fein, geschliffen und hervorragend integriert.

Natürlich zeigen die Weine die Reife, die man von Bolgheri erwartet. Gleichzeitig beeindrucken sie durch ihre Präzision und vor allem durch das perfekte Gleichgewicht zwischen technologischer und phenolischer Reife, zwischen Frucht und Tannin sowie zwischen Wärme und Frische.

Es sind Weine, die nach mediterraner Macchia, Meer, Licht und Hügellandschaft schmecken. Kraftvoll und einhüllend, ohne jemals schwer oder überladen zu wirken. Sie unterscheiden sich deutlich von jenem manchmal opulenten Stil, den man mit Bolgheri verbindet. Hier ist Substanz vorhanden, aber sie wird von Eleganz getragen. Kraft ist spürbar, dominiert jedoch nie. Die Handschrift des Winzers ist klar erkennbar, ohne den Charakter des Terroirs zu überdecken.

Gemeinsam mit Davide tauchten wir fast fünf Stunden lang in die Welt der Tenuta Fratini ein, zwischen Weinbergen, technischen Details, Geschichten, Zukunftsplänen, Meer und Hügeln. Die Zeit verging wie im Flug und hinterließ bei unserem gesamten Team einen bleibenden Eindruck.

Als wir die Heimreise antraten, waren wir zwar müde, vor allem aber motiviert, inspiriert und glücklich. Mit dem Gefühl, ein weiteres kleines Kapitel in der Geschichte von Chronos geschrieben zu haben.

Denn genau das ist Chronos.

Früh aufbrechen. Kilometer zurücklegen. Orte mit eigenen Augen sehen. Die Menschen kennenlernen, die das Land bewirtschaften. Verstehen, bevor man erzählt. Und die Arbeit unserer Partnerwinzer bis ins kleinste Detail wertschätzen.

Das versuchen wir seit vielen Jahren, jeden einzelnen Tag. Mit der Zeit werden wir erfahrener, bewusster und klarer in unserem Weg. Es ist nicht immer einfach, doch genau darin liegt unsere Motivation.

Professionalität, Leidenschaft, Wissen und Neugier. Aber genauso Bodenständigkeit und Weitblick. Ohne unnötigen Schnickschnack.

Diese zwei Tage in der Toskana haben uns einmal mehr daran erinnert, warum wir diesen Beruf lieben: wegen der Menschen. Wegen der Orte. Wegen ehrlicher Weine. Wegen nachhaltiger Projekte, die für die Zukunft geschaffen werden. Und wegen dieses seltenen Moments, wenn Qualität, Freundschaft und Vision in einem einzigen Glas zusammenfinden.

Und ja, auch wegen jener 48-Stunden-Reisen, die zunächst klein erscheinen, aber noch lange nachwirken.

1600 900 Andrea Rancan
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